Neue Partnerschaften

Das Wechselmodell mit Kindern -

Meine Erfahrungen

Neue Partnerschaften im Wechselmodell

 

"Solange uns die Menschlichkeit miteinander verbindet, ist egal, was uns trennt." (Ernst Ferstl)

Eine wichtige Erkenntnis vorab, unter der jede neuen Beziehung stehen wird und auch stehen soll bei einem Wechselmodell: Der Vater meiner Kinder wird immer zu unserem Leben gehören. Er ist und bleibt ein Teil des Lebens der Kinder – also auch von meinem, ob ich es manchmal will oder nicht. Also war es wichtig, ihm eine Rolle in meinem neu gewonnenen Single-Leben zuzuweisen und diese Rolle nach Möglichkeit klar zu definieren und zu leben. Das erleichtert für alle enorm das Zusammenleben. Und wenn das Single-Leben sich dann in Richtung neuer Beziehung ändert, ist es auch wichtig, ihn bei der Änderung „abzuholen“. Das scheint aus meiner Sicht ein fairer Ansatz zu sein, denn schließlich hat man einen großen Teil seines Lebens mit ihm verbracht. Und nicht zu vergessen – seine/meine/unsere Kinder werden mit diesem neuen Menschen Umgang haben – spielen, lachen und Ausflüge machen. Ich habe überlegt, wie ich mich selbst dabei fühlen würde, wenn es anders rum wäre – wenn er eine Neue in seinem Leben hätte. Also habe ich dann beschlossen, mich so zu verhalten, wie ich selbst behandelt werden möchte – und hoffe, dass es sich auszahlt:-)

"Alle Männer sind gleich, bis auf den, den man gerade kennen gelernt hat." (Mae West) 

 

Ich war früher als er bereit, eine neue Beziehung einzugehen. Ein Jahr nach der Trennung und ein Paar Monate nach dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung habe ich beschlossen, mich „umzuschauen“. Bei dem gelebten Wechselmodell war und bin ich ja jede zweite Woche alleinerziehend. Und in Anbetracht meines beruflichen Eingespannt sein habe ich schnell beschlossen, dass das Internet die beste und realistischste Möglichkeit darstellt, jemanden kennen zu lernen. Vor 10 Jahren habe ich schon den Vater der Kinder auf diese Weise kennengelernt und warum sollte es nicht ein zweites Mal funktionieren. Gesagt – getan – angemeldet! Abends wenn die Kinder im Bett waren konnte ich dann ungestört „stöbern“ und schreiben. Aber was oder wen wollte ich eigentlich genau? Diese Frage konnte ich mir erst im Laufe der kommenden Wochen beantworten durch die Kommunikation mit verschiedenen Männern. Zumindest was ich nicht wollte wurde mir schneller klar. Die Männer konnte ich nach einer Weile ganz gut in verschiedene Gruppen einteilen:


Gruppe 1: relativ frisch Getrennte mit Kindern, ziemlich verbittert, eigentlich noch dabei, die Wunden zu lecken, nicht wirklich bereit, was Neues einzugehen, aber sehr bereit zu reden --> diese Gruppe war für einen Gedankenaustausch zu dem Thema Trennung und Umgang mit den gemeinsamen Kindern sagen wir mal sehr nützlich, mehr aber auch nicht. Dabei lernte ich so einige Horrorgeschichten einer Trennung aus Männersicht, erschreckend, frustrierend und sehr verwundernd über das eigene Geschlecht. Und meistens haben die armen Männer doch wirklich überhaupt nichts Schlimmes gemacht - wirklich! Können Frauen wirklich so böse sein?

Gruppe 2: Sunnyboys um die 50, ohne Kinder, Karrieretypen, sich gegen Familie mal entschieden oder noch besser "nicht die Richtige zum Kinderkriegen gefunden", dabei aber eine Frau mit Kindern kontaktieren - warum? Hmm, diese lässt einen vielleicht eher in Ruhe mit einem Kinderwunsch, der schon erfüllt wurde und ist dabei immer noch jung genug für gemeinsame Freizeitgestaltung --> diese Gruppe war stark daran interessiert, zu verstehen, wie oft die Kinder den wirklich da wären und sein müssten und wie genau denn der Kontakt zum Vater der Kinder noch aussah. Gab es da noch genug Platz im Leben der Frau für deren Wenigkeit und den Porsche, der natürlich mit Kindersitzen ausgestattet werden konnte? Können Frauen wirklich so primitiv sein?


Gruppe 3: nette Durchschnittstypen knapp über 40 mit einem latenten Kinderwunsch, auch "noch nicht die Richtige zum Kinderkriegen gefunden" - aber schön wärs doch! Ja ok, eine Frau mit Kindern ist da nicht optimal und sicherlich nicht die erste Wahl, aber was tun, wenn man in der unmittelbaren Umgebung alles schon abgegrast hat? --> diese Gruppe interessierte sich sehr früh für meinen eventuell noch vorhandenen Kinderwunsch und war natürlich auch sehr daran interessiert wie hoch die Chancen einer Wiedervereinigung zwischen den Eltern waren. Ja, Frauen sind schon darüber geschmeichelt, wenn man mit ihnen Kinder haben will, aber wirklich nicht mit jedem!


Gruppe 4: die Randgestalten, die ihren Standard-Text schon wirklich bei Jeder mal in die Kontaktaufnahme reinkopiert haben, teilweise zweimal, ohne Erfolg und mit zunehmender Verzweiflung. Wofür soll man das Profil überhaupt lesen - die schreibt doch eh nicht zurück! Kinder, welche Kinder? Ach so, ja auch ok.

Diese Auswahl frustrierte doch nach einigen Wochen und Monaten. Irgendwie hat man immer das Gefühl, dass keine „normalen“ Männer dabei sind, wenn schon nicht DER richtige, dann wenigstens „normal“ - kann ja nicht zu viel verlangt sein:-( Und dann kam ER! Kurz vor Weihnachten haben wir uns das erste Mal getroffen – und es war einfach toll! Die knapp zwei Stunden in einem Café vergingen wir im Flug und dann musste ich los, um die Kinder für meine Mama-Woche abzuholen. Irgendwie war ich dann etwas zerstreut an diesem Abend, abgelenkt und verträumt – und interessiert! Nach einem vielversprechenden Start in der digitalen Welt ging es mit dem Satz: „Ich würde dich gerne wiedersehen.“ in der realen Welt weiter und weiter.


Abgesehen von der gegenseitigen Sympathie haben einige gemeinsame Faktoren zu dieser positiven Entwicklung beigetragen. Denn das Verliebtsein fühlt sich zwar auch mit fast 40 nicht anders als als damals mit 20. Doch wir waren diesmal nicht allein in unseren Empfindungen und Entscheidungen. Je fester man im Leben steht, desto mehr Strukturen und Verpflichtungen bestimmen den Alltag. Und als das natürlich wichtigste Kriterium waren da mehr oder weniger kleine Menschen auf beiden Seiten, die in allen entstehenden zwischenmenschlichen Beziehungen eine wichtige Rolle spielten. Meine kleinen Menschen waren 4 und 6. Seine „Kleinen“ schon 10 und 14 – und damit schon beginnende pubertierende Wesen. Damit wäre das wichtigste Kriterium erfüllt – wir beide hatten Kinder!

"Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist das einzige vollkommen selbstlose Gefühl." (William Somerset Maugham)


Anfangs habe ich mir das nicht zum Kriterium gemacht. Doch im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass kein Mann ohne Kinder die Liebe von Eltern zu ihren Kindern nachempfinden und damit nachhaltig akzeptieren könnte. Auch wenn er viel Verständnis hätte durch die gegenseitige Zuneigung. Diese ur-natürliche und selbstverständliche Liebe und auch Verpflichtung der Eltern zu ihren Kindern ist natürlich auch in einem Wechselmodell unverändert. Auch wenn die Kinder nicht bei mir sind, bin ich für sie da. Ich kann einspringen, wenn sie krank sind und zuhause bleiben müssen. Ich kann einspringen wenn es beim Vater auf der Arbeit zu viel wird. Und umgekehrt hilft er mir genauso. Das heißt nicht dass ich ständig auf Abruf bin. Wenn es seine Woche ist, dann schaut er erst mal, dass er auch ohne meine Unterstützung klar kommt – da er ja die gleichen Möglichkeiten hat wie ich. Aber wenn er meine Hilfe wirklich braucht, dann bin ich da. Das hat mit einer partnerschaftlichen Liebe und Zuneigung nichts zu tun! Es ist eine funktionierende Kooperation als Eltern für die gemeinsamen Kindern. Diesen feinen Unterschied muss man als neue Partner gegenseitig verstehen und akzeptieren. Denn es geht um die Kinder – und um nichts anderes!

Natürlich ist eine gewisse Eifersucht dennoch im Spiel, das ist nur menschlich. Das neue geliebte Wesen gehört nicht dir allein. Seine Zeit und seine Liebe musst du teilen, mit kleinen Menschen, die du erst mal nicht mal kennst. Und die von einer anderen Person sind, die im Zweifelsfall deinem geliebten Wesen einmal das Herz gebrochen hat und vielleicht immer noch das Leben schwer macht. Das alles macht die gemeinsame Sache ganz bestimmt nicht einfach. Aber wer hat schon ein einfaches Leben!? Das Wechselmodell ordnet das Leben, erhebt aber nicht unbedingt den Anspruch, das Leben aller Beteiligten einfacher zu machen. Fair und transparent – JA, aber nicht unbedingt einfach.

"Die zwei größten Tyrannen der Erde: der Zufall und die Zeit." (Johann Gottfried von Herder)

 

Und das Wechselmodell fordert natürlich Zeit. Jede zweite Woche bin ich alleinerziehend. Und die andere Woche arbeite ich bis spät abends. Damals arbeitete ich mit 90%. Inzwischen bin ich auf 100% hochgegangen, da meine Job sich eh nicht um 10% reduzieren lässt und ich für die gleiche Arbeit wie schon mit theoretischen 90% nun auch bezahlt werde. Und – ich liebe meinen Job! Ich arbeite sehr gerne – auch wenn ich eine Stunde zur Arbeit fahren muss und ich bis in die Nacht manchmal vor dem Laptop sitze. Ich machen meinen Job sehr gerne – und ich behaupte mal gut! Und natürlich ist das eine Herausforderung schlechthin, in diesem Konstrukt Wechselmodell und Vollzeit noch Zeit für eine Beziehung zu finden. Der andere muss schon auch sehr zeitlich eingespannt sein damit es aufgeht. Damit nicht der ständige Vorwurf im Raum steht, dass man nicht genug Zeit für einander hat. Denn es ist ja tatsächlich so – nur empfindet man das anders wenn beide zeitlich so eingespannt sind, dass einfach keine Zeit zum Klagen ist:-)


Bei uns beiden war das schon immer so – mal mehr mal weniger. Erstmal haben wir uns nur an den Abenden nach der Arbeit gesehen, wenn die Kinder nicht bei mir waren. An den Wochenenden war es auch nicht einfach. Ich habe die Kinder zwar jedes zweite Wochenende nicht. Aber er sieht seine Kinder fast jedes Wochenende, aber nur an einem der Tage. Und dazu kommt, dass mit der Mutter seiner Kinder leider die Abstimmung so bescheiden läuft, dass er teilweise nur eine Woche vorher erfährt, an welchem der beiden Tage er die Kinder „haben darf“. Somit hätten wir auch geklärt, dass auf seiner Seite ganz sicher kein Wechselmodell existiert und auch nichts anderes halbwegs faires und geordnetes. Das stellt von Zeit zur Zeit doch eine Herausforderung für uns da. Allerdings kommt uns da mein Bedürfnis zu Gute, auch mal Zeit allein für mich haben zu wollen. Ich genieße es, neben der Kinder und einer Beziehung auch mal Zeit für mich zu haben, mich langweilen zu können und auch spontan was unternehmen zu können ohne mich mit irgendjemanden abstimmen zu müssen.

"Freundschaft fließt aus vielen Quellen, am reinsten aus dem Respekt." (Daniel Defoe)

 

Damit hätten wir die zwei gemeinsamen Faktoren geklärt, die aus meiner Sicht enorm dazu beigetragen haben, dass sich eine Beziehung überhaupt entwickeln konnte: Kinder auf beiden Seiten – und eine nicht gerade geringe berufliche Einspannung ebenfalls auf beiden Seiten. Dabei sollte man natürlich nicht vergessen, dass das relevanteste Kriterium nach wie vor die gemeinsame Sympathie gewesen ist, aus der die Liebe entstand. Und an dieser Liebe wollte ich dann auch meine Kinder nach und nach teilhaben lassen. Und wie stellt man das wohl am geschicktesten an?

 

Ob es der richtige Weg war oder nicht. Es war auf jeden Fall der Weg, den ich für mich gewählt habe. Und noch bevor die Kinder was erzählen konnten, was sie so halbwegs aufgefangen haben, habe ich erst mal ihren Vater, meinen Exmann eingeweiht. Irgendwie hatte das was mit Respekt für mich zu tun. Ich hatte ihm schon einige Wochen nach der Anmeldung in den Datingportalen davon erzählt, dass ich das überhaupt gemacht habe. Ich wollte das Potenzial einer Überraschung möglichst gering halten. Bei einem neu aufzubauenden Verhältnis zwischen den Eltern, die sich als Paar getrennt haben und einen anderen Zugang zueinander suchen müssen, sind Überraschungen auf zwischenmenschlicher Ebene eher ungünstig. Ich bin zwar nicht von verbleibenden Gefühlen für mich auf seiner Seite ausgegangen. Aber es ist natürlich dennoch eine merkwürdige Empfindung, wenn der Mensch, mit dem du den Rest des Lebens verbringen wolltest und mit dem du Kinder hast, plötzlich einen neuen Partner an seiner Seite hat. Mir würde es umgekehrt so gehen. Also wollte ich ihn Schritt für Schritt schon darauf vorbereiten.

Zu der Anmeldung in den Datingportalen hat er schon nicht viel gesagt, außer dass er selbst noch kein Interesse daran hat. Als ich meinen neuen Freund ungefähr sechs Wochen lang kannte, hatte ich meinem Exmann davon erzählt, dass es jemanden Neuen in meinem Leben gibt. An seine erste Reaktion kann ich mich heute noch erinnern. Er wollte sichergehen, dass ich nicht gleich die Kinder mit dem Neuen konfrontiere. Valide Befürchtung, die deutlich seine einzige Sorge zeigte – was sagen die Kinder? Ärgerlich fand ich das aber durchaus, dass er mir nicht etwas mehr Feingefühl zugetraut hat. Für mich war das doch auch ein wichtiger Punkt. Ich würde sicher nicht jeden meinen Kindern vortellen! Aber nach über zwei Monaten Bekanntschaft, die nun doch als Beziehung zu bezeichnen war, wollte ich mein Glück auch mit den Kindern nach und nach teilen.

"Der Freund ist einer, der alles von dir weiß, und der dich trotzdem liebt." (Elbert Hubbard) 

Also habe ich Ihnen erst mal erzählt, dass ich einen Freund habe. So weit so gut. Doch was ist denn bitte ein Freund für einen Sechsjährigen und eine Vierjährige. Die haben doch auch eine Menge Freunde im Kindergarten. Und die Mama hat doch auch hier und da Freunde. Was ist denn nun der Unterschied? Also gab‘s dann eine Erklärung der Liebe für Kindergartenkinder. „Ein Freund ist jemand, in den man verliebt ist und er ist der Einzige, den man auf den Mund küssen darf.“ Das schien den Kindern zu genügen. Denn sie waren ja auch schon verliebt „mit dem und mit dem auch“. Aber auf den Mund küssen, das war dann doch noch etwas eklig, also besser nicht. Und der Freund der Mama schien sehr nett zu sein. Er hat mal hier mal da was für die Mama geschrieben, auf kleinen weißen Zetteln, und diese in der Wohnung versteckt. Und manchmal lag auf Mamas Auto eine Blume auch mit einem Zettel. Das war ja spannend! Das Auto wurde schon jedes Mal richtig abgesucht, ob doch noch was irgendwo versteckt lag. An Valentinstag wurde erneut eine Rose auf dem Auto „gefunden“. Meine Tochter wurde dann nachdenklich: „Kann denn dein Freund auch für mich was am Auto verstecken?“. Ich fand das soooo süß! „Schnecke – er kennt dich doch gar nicht!“ Sie dachte wieder nach: „Kannst du ihm dann bitte sagen wie ich heiße und dass ich 4 Jahre alt bin?“. Na gut, wenn ich diese Infos mit ihm austausche, dann versteckt er natürlich auch was für dich:-) Herrlich! Wir man sieht, ohne dass die Kinder ihn je zu Gesicht bekommen haben, waren sie schon sehr positiv auf ihn gestimmt. Immerhin tat er der Mama gut und versteckte lauter nette Sachen irgendwo – wie lustig!

Wie haben nun aber die Kinder den neuen Mann im Mamas Leben kennengelernt? Tja, dafür wollte ich einen neutralen Ort finden, an dem man sich auch etwas aus dem Weg gehen kann, wenn man will. Was eignet sich dazu besser als ein Zoo, eher ein kleiner Tierpark, den beide schon kannten. Ich habe das Kennenlernen lange davor angekündigt und beide waren gespannt wie ein Flitzebogen! Und dann war alles ganz einfach. Für die Kinder war der neue Mann ein tolles neues Spielzeug! Wie nett er war. Es spielte mit ihnen und sprang im Gegensatz zu Mama sofort auf wenn sie was wollten. Aber ich glaube, sie spürten vor allem eins – die Harmonie zwischen Mama und dem Neuen. Keine Streits, keine Diskussionen, Friede, Freude, Eierkuchen. Wie mein Freund mal sagte: „Sie haben mich adoptiert.“ Und dabei musste er noch nicht mal Überraschungseier für die Bestechung verwenden.

"Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück. Es kommt nicht darauf an, wie lange es ist, sondern wie bunt." (Lucius Annaeus Seneca) 


Ob es nun an ihm als diesen besonderen Menschen liegt oder ob die Kinder in diesem Alter jeden mit offenen Armen aufgenommen hätten – ich weiß es nicht. Aber ehrlich gesagt, habe ich auch etwas Bammel vor der Antwort. Im Moment ist alles wundervoll und wir sind über ein Jahr zusammen und freuen uns über jede gemeinsame Stunde. Doch was ist, wenn es mal nicht mehr so läuft? Wir sind nicht aneinander gebunden durch Ehe, Haus und Kinder – ganz allein die Gefühle halten uns zusammen und keinerlei Verpflichtungen. Was ist nun aber wenn es nicht so läuft? Wenn die Gefühle abkühlen und wir beide erneut feststellen, doch nicht den Partner fürs Leben gefunden zu haben? Wenn man in diesem Alter und dieser Situation im Leben angekommen ist, ist es eine durchaus berechtigte Befürchtung dass nicht alles für die Ewigkeit ist. Man selbst berappelt sich und das Leben geht dann weiter. Aber was ist mit den Kindern? Schon wieder ist man nicht allein in dieser Entscheidung, mit wem man die Partnerschaft hat. Denn die Kinder haben den anderen Menschen an Mamas Seite doch auch schon liebgewonnen. Und wenn die Mama von Papa verlässt, dann bleibt der Papa den Kindern als Papa erhalten. Aber der andere Mann, der nie Papa war und doch ihnen ans Herz gewachsen ist, der ist dann für immer weg! Auf diese Frage habe ich leider keine Antwort. Manchmal beschäftigt sie mich mehr - manchmal wieder weniger.

Ich versuche zwar nicht bewusst, den Kontakt zwischen meinem neuen Partner und meinen Kindern so gering wie möglich zu halten. Aber ich lege es auch nicht darauf an, uns in seinem Leben bewusst breit zu machen. Im Endeffekt ergibt sich alles aus unserem geliebten Wechselmodell. Jede zweite Woche habe ich die Kinder am Wochenende nicht. Da verbringe ich einen Tag mit meinem Partner und den anderen Tag verbringt er mit seinen Kindern. Sehr selten mache ich auch mal was mit ihm und seinen Kindern. Erstens sieht er sie sowieso nur 24 Stunden lang und ich möchte, dass seine Kinder ihn ganz für sich allein haben. Zweitens muss ich gestehen, freue ich mich auch über das Alleinsein und die Freiheit, alles unternehmen zu können was ich möchte. An den anderen Wochenende habe ich dann die Kinder. Und auch hier hat er an einem Tag seine Kinder – und jeder verbringt die Zeit mit altersspezifischen Kinderaktivitäten. Und an dem andere Tag gönne ich ihm gerne seine Ruhe, damit auch er sich erholen kann von einer anstrengenden Woche. Selten unternehmen wir dann doch was zusammen mit meinen Kindern. Somit führt unser normale Alltag schon dazu, dass meine zwei Lebensbereiche „Kinder“ und „Partnerschaft“ mit wenig Berührung nebeneinander existieren – was auch ganz gut ist. Ich weiß nicht, was das Leben irgendwann mal in diesem Bereich bringen wird. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir auch diese Herausforderungen irgendwie alle meistern werden – also die Kinder, ich, mein neuer Lebenspartner, mein Exmann und vielleicht dann auch seine Lebensgefährtin. Ich bin sehr gespannt darauf, welche bunten Patchwork-Seiten das Leben für uns noch parat hat:-)

"Zwei Jahre später - meine Kinder sind inzwischen 6 und 8 Jahre alt - es geht in die nächste Runde! 


Den kommenden Text schreibe ich nun fast zwei Jahre später - und das Leben hatte inzwischen einiges für uns parat:-)

"Es gibt nichts Schöneres als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst oder vielmehr trotz seiner selbst." (Victor Hugo) 


Mit meinem neuen Partner bin ich nun glückliche bald drei Jahre zusammen und es ist wunderbar! Die Mama ist glücklich und die Kinder sind es auch – was will man mehr? Nun – ein gemeinsames Zuhause. Unser nächstes großes Projekt heißt ein gemeinsamer Haushalt mit zwei Erwachsenen und zeitweise bis zu vier Kindern unterschiedlicher Altersstufen - welch eine Herausforderung! Wir sind schon seit Monaten auf der Suche, aber der aktuelle Immobilienmarkt bietet gerade keine große Auswahl an Häusern für eine solche Großfamilie. In dieser Zeit hat sich dafür eine andere spannende emotionale Herausforderung ergeben, mit der ich schon fast gar nicht mehr gerechnet habe: eine neue Beziehung beim Papa meiner Kinder!

Oh là là – wie aufregend! Ich dachte, ich bin so souverän und glücklich in meiner aktuellen Beziehung. Ich dachte, da stehe ich über alles drüber da ich mit allem gut abgeschlossen habe. Ich dachte, dass ich mich vom Herzen freuen würde für meinen Ex – und und und. Ich dachte so vieles! Aber ich habe nicht mit der Flut an Emotionen gerechnet, die dann doch über mich hereinbrachen. Wie naiv ist doch gewesen bin!

Das wichtigste vorab – ich bin sehr glücklich in meiner aktuellen Beziehung! Er ist die große Liebe meines Lebens – auch wenn es nun die zweite Runde für mich und auch ihn ist – es fühlt sich absolut richtig und toll an. Somit habe ich auch wirklich mit den Gefühlen für meinen Exmann abgeschlossen. Das höchste der Gefühle zwischen uns ist tatsächlich ein Zustand, wo wir mal bei der Kinderübergabe nicht streiten oder zumindest genervt diskutieren - über irgendeinen unwichtigen Kleinmist. Und wenn wir uns zusammenreißen, dann können wir auch mal einen gemeinsamen Geburtstag oder Weihnachten friedlich für mehrere Stunden miteinander auskommen. Aber leider sind wir weit davon entfernt, für einander die Vertrauensperson darzustellen, die ich mir irgendwann mal erhofft habe. Tatsächlich habe ich mir so was wie Freundschaft mit meinem Exmann vorstellen können. Warum denn auch nicht? Wir haben einander nicht das Herz gebrochen. Wir haben uns nicht betrogen. Gegenseitig haben wir uns schon irgendwann mal das Leben sehr schwer gemacht, aber das hat sich nach der physischen Trennung und der offiziellen Scheidung auch gegeben. In unserem gut funktionierenden Wechselmodell haben wir uns sehr ordentlich arrangiert und kommen gut miteinander klar – als Eltern von unseren gemeinsamen Kindern.

"Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen." (Hermann Hesse) 


Aber mehr hat mein Exmann auch nie zugelassen und aus seiner Sicht wohl auch nie angestrebt. Vielleicht wäre es auch zu viel verlangt. Wenn wir doch zu einer Freundschaft in der Lage gewesen wären, dann hätten wir doch auch wieder zueinander finden können, oder nicht? Davon waren wir weit entfernt – aber dadurch auch von einer Freundschaft? Das mit der Trennung ist ja so eine Sache. Physisch sind wir getrennt, offiziell sind wir geschieden. Ich habe seinen Namen abgelegt und wir verbringen nahezu keine Zeit miteinander. Aber – wir haben nun mal zwei gemeinsame Interessen, die unser Leben entscheidend mitbestimmen – nämlich unsere beiden Kinder. Dadurch werden wir unser Leben lang aneinander gebunden sein, alles von dem anderen mitbekommen, miteinander umgehen müssen, miteinander auch Zeit verbringen müssen und miteinander kooperieren müssen. Müssen müssen müssen – und ich wollte einfach, dass daraus ein WOLLEN wird. Ich wollte das sehr! Es ist so viel angenehmer, diese gemeinsame Aufgabe der Kindererziehung mit einem Freund gemeinsam bewältigen zu können, nicht nur mit einem „Ex“. Alle würde sich viel einfacher anfühlen, viel harmonischer und irgendwie richtiger. Es ist nicht richtig, dass zwei Menschen gemeinsame Kinder erziehen, aber es nicht gemeinsam konsistent machen, sondern gleichzeitig einander bekriegen. Von einem bekriegen sind wir zwar auch weit entfernt, aber ich wollte einfach mehr als ein „Miteinanderauskommen“ - ich wollte die Freundschaft, so! Klingt bockig, so fühle ich mich aber auch gerade. Wieder gescheitert, schon an der Ehe, nun auch an der Freundschaft.

Und das waren genau die Empfindungen, die mich durchströmt haben, als ich von seiner Beziehung erfahren habe. Und wie ich davon erfahren habe – ich habe mir diese Info eher erkämpft! Ich weiß, ich bin da sehr naiv, aber ich habe tatsächlich gedacht, dass er mir das selbst freiwillig und vor allem vor den Kindern sagen würde. Ich habe ihm das damals auch zuerst gesagt und die Kinder erst einen Monat später eingeweiht. Ich habe so lange schon mich darum „bemüht“, dass er jemanden festen kennenlernt. Wirklich bemüht. Ich habe ihm diverse Datingportale ans Herz gelegt und immer versucht, ein „gutes Wort“ für die „Weiber“ generell einzulegen, wenn er wiedermal frustriert war. Ich dachte, wenn er glücklich ist, genau wie ich, dann ist er viel entspannter und lässt mehr positive Gefühle zwischen uns zu – was sich mehr als Freundschaft anfühlt als das „Miteinanderauskommen“. Und ja, naiverweise dachte ich, dass er mich irgendwie einweiht, wenn sich was anbahnt, noch zwar noch weit vor den Kindern. Und mit mir über seine Gefühle redet und sich austauscht. Ich weiß – wirklich naiv von mir. Aber damals hatte ich ehrlich gesagt das Bedürfnis, mit ihm zu reden, über meine neue Beziehung. Wie neu sich das alles anfühlt nach der Ehe. Wie merkwürdig teilweise einiges ist, wenn man mehr als acht Jahre einen anderen Menschen gewöhnt war. Wie schwierig die Umstellung hier und da ist – so als würde ich gerne seine Legitimation dafür haben wollen. Was für ein merkwürdiges Empfinden, was sicherlich wohl nur auf meiner Seite existiert hat. Aber wir haben so viel miteinander geteilt – unser Leben und unsere Kinder. Er kannte mich und ich kannte ihn – was das dann nicht naheliegend, aus dieser Vertrautheit mehr zu machen? Darauf aufzubauen?

"Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: "Was will eine Frau eigentlich?" (Sigmund Freud) 


Davon war bei ihm wahrlich nichts zu spüren. Und ich weiß, ich kann ihm noch nicht mal einen Vorwurf daraus machen, da es wahrscheinlich total normal ist zwischen Expartnern. Was hat man einander schon noch zu sagen? Warum sollte man die Empfindungen miteinander teilen? Die Nähe ist weg, dafür ist man ja schon geschieden – was soll denn der Anspruch auf einen Gefühlsaustausch? Vielleicht ist es auch die typische Denke einer Frau. Man könnte sich fragen, ob ich denn keine Freundinnen zu reden habe? Doch, habe ich und auch eine Mutter, mit der ich alles teile. Und auch sicher mein neuer Partner, der der beste Gesprächspartner überhaupt ist. ABER – der Vater meiner Kinder ist nun mal der Vater meiner Kinder und damit eine feste Instanz in meinem Leben. Sein Gefühlsleben interessiert mich nun mal auch und ich maße mir tatsächlich einen Anspruch darauf an, diesen Gefühlszustand zu erfahren. Das sieht er natürlich ganz anders.

Ich habe schon Wochen vorher gespürt, dass sich bei ihm was verändert, was er natürlich weit von sich gewiesen hat, als wäre es ein Verbrechen oder zumindest hoch geheim. Wenn man mit einem Menschen aber jahrelang das Leben geteilt hat, dann kennt man sich nun mal. Solche Wesensveränderungen fallen dann schneller auf. Aber er war weit entfernt davon, mich ins Vertrauen zu ziehen. Ich bin nicht zimperlich mit meinen Nachfragen, die er als bohrend empfand. Ja, vielleicht hätte er mich irgendwann mal freiwillig eingeweiht und nicht als lästig abgetan. Aber ich konnte einfach nicht diskret weiter warten. Diese Situation hat mich damals an meinen Bruder erinnert. Er war um die 15 Jahre alt und unsere Eltern vermuteten, dass er das erst Mal eine Freundin hatte, was aber er nie offiziell bestätigen wollte. Also habe ich als große Schwester ihn kurzerhand im Kinderzimmer eingeschlossen und ihn solange befragt, bis er „alles gestand“ - auch nicht sehr zimperlich, lästig und penetrant – so bin ich halt. Daran habe ich mich erinnert als die Veränderungen bei meinem Exmann begangen. Und sowohl heute wie auch damals wollte ich ja nichts Böses von „meinen Männern“. Ja, es war Neugier, aber durch das Verwandtschaftsverhältnis irgendwie legalisiert – war ich zumindest der Meinung. Expartner sind auch eine Art Verwandtschaft und schade, dass allein das Wort „Ex“ jegliche aktuelle Verbindung verneint.

"Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben." (Wilhelm von Humboldt) 


Der Vergleich mit meinem Bruder zeigt vielleicht am Besten die Richtung meiner Gefühle auf. Seine Geschwister hat man ebenfalls sein Leben lang in seinem Leben – zumindest in der Regel. Man ist aneinander gebunden durch die gemeinsamen Eltern, sowie ich an meinen Exmann durch die gemeinsamen Kinder gebunden bin. Sowohl die Eltern wollen, dass man sich als Geschwister untereinander versteht, wie auch die gemeinsamen Kinder wollen, dass sich Mama und Papa verstehen. Natürlich können alle Stricke reißen und der Kontakt bricht ab. Aber nur den direkten Kontakt kann man abreißen. Über die Eltern bzw. über die Kinder ist man doch ein Leben lang miteinander verbunden – ob man sich nun mag oder nicht, auf einer Wellenlänge ist oder nicht. Deswegen sollte man einfach das Beste daraus machen. Im Idealfall ist der eigene Bruder ein Freund, aber auch das klappt nicht immer. Die emotionale Nähe zueinander ist aber dann doch etwas, was glücklich macht und einen emotionalen Ausgleich verleiht zu der eigentlichen Trennungssituation. So kann ich mit mir und meiner unmittelbaren Welt im Reinen sein – so auch mit meinem Exmann, was ich zumindest Stand heute immer noch anstrebe.

Und so habe ich durch mein penetrantes Nachfragen tatsächlich irgendwann mal die Info bekommen, dass er eine „feste Freundin“ hat und – Überraschung – sie auch noch aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis ist. Das war wohl auch der Hauptgrund, dass er die Ernsthaftigkeit der Beziehung abwarten wollte da die Neue kein unbeschriebenes Blatt für mich war und er sicher eine reine Affäre nicht mit mir geteilt hätte - da man sich ja doch untereinander in einem Dorf kennt. Und tatsächlich hatte er auch die Kinder am Abend zuvor eingeweiht und die Neue, die auch Ihnen nicht unbekannt war, offiziell als seine Freundin bezeichnet, die bald mal zu Besuch kommen würde. Immerhin hatten die Kinder nur wenige Stunden den Wissensvorlauf und ich habe nicht von ihnen direkt erfahren müssen, dass er eine Freundin hat.

"Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat." (Matthias Claudius) 


Und auch in dieser neuen Situation war die erste Befürchtung meines Exmannes, dass ich den Kindern etwas sagen würde ohne dass er das steuern kann. Es ist ehrlich gesagt einfach nur frustrierend, dass er immer noch nicht sich darauf verlässt, dass ich emotional intelligent genug reagieren könnte. Warum sollte ich den Kindern etwas erzählen, was noch nicht spruchreif ist? Es ist nicht meine Privatsphäre um die es hier geht. Außerdem ist eine Partnerschaft eine ernste Angelegenheit und ich würde die Kinder nicht mit irgendwelchen Hinweisen irritieren wollen. Es geht doch um unsere gemeinsamen Kinder und deren Wohl. Ich möchte, dass die beiden unsere Welt verstehen und akzeptieren. Da muss man schon sehr behutsam vorgehen und schauen, wie sie auf das ein oder andere reagieren. Aber wie gesagt, wurde mir hier leider wieder nicht genug emotionale Umsicht zugetraut. Er hatte sich beeilt, die Kinder einzuweihen, damit ich ihm nicht zuvorkomme – warum auch immer ich das tun sollte.

Und nun waren zwei „Freunde“ da – einer bei Mama nun seit bereits fast drei Jahren und jetzt auch EINE bei Papa seit wenigen Wochen offiziell. Ich war sehr gespannt darauf, wie die Kinder die neue Informationen in Worte fassen würden. Leider habe ich eine nur sehr kurze Version der Geschichte bekommen, da wohl auch der Vater nur wenige Sätze den Kindern mitgeteilt hatte. Es war für ihn ja auch nicht so schwer, da die Kinder die Frau an seiner Seite schon kannten und sie nun einfach eine neue zusätzliche Funktion in deren Leben einnahm. Und was genau ein „Freund“ oder „Freundin“ von Papa oder Mama sind, war ihnen auch bekannt, da sie ja schon „das Küssen auf den Mund“ von der Mama kannten. Das war die ultimative Unterscheidung zwischen irgendein Freund und „Mamas Freund“. Das war einfach und verständlich und damit für die Kinder als „bekannt und nichts ungewöhnliches“ abgelegt. So einfach war es aber für deren Mama, also mich leider nicht.

Wie gesagt, hatte ich mit den Gefühlen für den Vater vollständig abgeschlossen und war ja selbst glücklich in einer Beziehung. Nur der Wunsch nach der Freundschaft mit dem Exmann war da, der aber leider von seiner Seite nicht wirklich erwidert wurde. Das war mir auch so weit bekannt und nun durch die neue Frau an seiner Seite präsenter. Aber womit ich nicht gerechnet habe, war die Bindung an mein Ex-Haus und das stand nun im Mittelpunkt meins Fühlens und Denkens. Wir hatten ja grundsätzlich ein sehr gutes Verhältnis und noch den Schlüssel vom Haus bzw. Wohnung des anderen. Das hatte auch ganz pragmatische Hintergründe, wenn mir mal die Gummistiefel der Kinder gefehlt haben oder mein Sohn für die Schule mal was vergessen hatte und der Papa war nicht da, so konnte ich immer was aus dem Haus holen, auch wenn mein Exmann nicht zuhause war. Das war immer mit Absprache vorab gewesen, wenn auch oft sehr kurzfristig, und war bisher nie ein Problem gewesen – aber nun? Wie würde es hier weitergehen? Die Neue war zwar sehr neu und würde sicher nicht sofort bei ihm einziehen, aber wie lange würde unser praktisches Arrangement noch so funktionieren? Auf den ersten Blick war das tatsächlich einfach eine pragmatische Lösung gewesen. Aber auf den zweiten Blick war das für mich eine weiterhin bestehende Bindung ans Haus, die mir so gar nicht bewusst gewesen ist.

"Oh welche Zauber liegen in diesem kleinen Wort: Daheim." (Emanuel Geibel) 


Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als ich das erste Mal in meiner Wohnung übernachten „musste“. Ich stand heulend an der Tür des gemeinsamen Hauses und er selbst hatte Tränen in den Augen. Er sagte mir, ich muss nicht „heute schon“ da übernachten, wenn ich noch nicht so weit war. Aber es machte auch keinen Sinn, das weiter hinauszuzögern. Ich war nun mal offiziell ausgezogen und meine Habseligkeiten waren schon in meiner Wohnung. Ich musste also endlich auch in der Wohnung schlafen lernen – und zwar erst mal ohne die Kinder. Wenn ich in diesem Moment auch noch den Schlüssel für das Haus hätte abgeben müssen, ich hätte das nicht überstanden. Ich bin schon stark, aber das war eine solch symbolische Geste, die mehr Dramaturgie beinhaltet hätte, als ich ertragen konnte. Ich bin sehr froh, dass er das nicht gefordert hat und war natürlich auch bereit, ihm meinen Schlüssel von der neuen Wohnung zu geben als gegenseitigen Vertrauensbeweis, der einfach nur fair war.

Und nun hatte ich noch den Schlüssel zu einem Haus, das jetzt schon offiziell nicht meins war, das aber inoffiziell trotzdem noch in meinem Herzen war als mein ehemaliges Zuhause und das aktuelle Zuhause meiner Kinder. Generell bin ich nie mit dem Haus warm geworden, das war schon die Realität, aber dennoch war es fünf Jahre lang mein Nest und mein Zuhause – ob ich das hier und da kalt und unbequem fand oder nicht. Ich bin in meinem Leben schon mehr als zehn Mal umgezogen, wie viel genau kann ich kaum mehr zählen. Aber im Alter fällt das Umziehen dann doch immer schwerer. Und dieses Haus war voll von Erinnerungen! Zusammen mit meinem Exmann haben wir das Haus grundsaniert. Wir haben gestrichen und Böden verlegt. Ich kannte jede Besonderheit in jedem Zimmer. Den ganzen Keller hatte ich bunt gemalt, jeden Raum in einer anderen Farbe. Ich habe für meinen Exmann einen ganzen Sportkeller „gebastelt“ mit Spiegelfolie an der Wand und einem grünen Rasenteppich – damals als Geschenk zum Hochzeitstag. Draußen auf der Terrasse habe ich einen lächelnden Marienkäfer gemalt und über dem Bild hing das Hufeisen, das wir zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten. Noch wusste meine Kinder, dass die Mama den Marienkäfer dorthin gemalt hat, aber wie lange noch? Schon jetzt vergessen sie, dass ich ihre Kinderzimmer in der Farbe gestrichen habe und die Wandsticker befestigt habe, so wie diese jetzt gerade sind. Dass ich die Teppiche und die Möbel bei Ihnen ausgesucht habe. Dass meine Mutter die ein oder andere Decke für die genäht hatte und ich die Bilder an den Wänden gemalt habe. Sie erzählen mir dann immer von der ein oder anderen Sache so als hätte ich nie was davon gehört. Ich erinnere sie dann daran, dass ich ja in dem Haus vor einigen Jahren gelebt habe und das ein oder andere selbst gemacht habe. Und jede Mal versetzt es mir einen Stich, einen sehr schmerzhaften Stich. Das war mein Nest! Ich habe das zusammen mit dem Vater der Kinder für UNS und die Kinder gemacht, mein Nest!

"Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid." (Leonardo da Vinci) 


Bisher gehörte das Nest auch dem Papa und den Kindern, und das war auch fair so, er hatte das ja auch mitgestaltet und mir auch meinen Anteil am Haus ausbezahlt, womit die rechtliche Situation des Hauses sowieso geklärt war. Aber nun kam ein fremder Mensch hier rein, der mit diesem Haus, mit meinem Nest, überhaupt nichts zu tun hatte! Ich weiß durch und durch, dass ich so nicht empfinden darf, aber die Gefühle kann ich auch nicht steuern. Als ich wiedermal die noch zu großen Klamotten der Kinder in die ehemals leeren Schränken auf meiner Seite, ich korrigiere - meine Ex-Seite des Kleiderschrankes, deponieren wollte, bin ich dort auf „ihre“ Sachen gestoßen. Mir war so heiß und kalt dabei, ich habe mich körperlich einfach nur hundeelend gefüllt, es hat so wehgetan, dass ich fast und gottseidank nur fast in Tränen ausgebrochen bin. Das habe ich dann später alleine zuhause nachgeholt.


Wie muss es nur Frauen und Männern ergehen, die den gleichen Anblick haben, wenn sie aus dem gemeinsamen Zuhause ausgezogen sind und der neue Partner sogar dafür die Ursache gewesen ist? So ein Elend kann ich mir gar nicht vorstellen! Bei mir war die Trennung über drei Jahre her und die aktuelle Beziehung mit dem Ex war sogar harmonisch - und trotzdem habe ich mich so absolut elendig gefüllt. Der Schmerz war nun wirklich nicht auf den Mann bezogen, mit dem ich im reinen war. Der Schmerz bezog sich auf das Haus und damit auf das vergangene Leben. Und diesen Schmerz konnte mein Exmann sicher nicht in der gleichen Form nachempfinden. Insofern würde es auch gar keinen Sinn machen, sich mit ihm darüber auszutauschen. Ich bin diejenige gewesen, die gegangen ist. Ich bin ausgezogen und habe mir alles von Null an aufgebaut. Er konnte in dem fertigen schönen warmen Nest bleiben. Dafür musste er damit klarkommen, dass auch die positiven Erinnerungen in dem Haus an jeder Ecke lauerten. Aber als ich einen neuen Partner hatte, musste ich nicht damit klar kommen, dass dieser sich auf SEINE Hälfte des Bettes legte oder die Kleidung in SEINEN Schrank aufgehängt hatte. Meine Wohnung war neues neutrales emotionales unbelastetes Gebiet.

"Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge." (Leo Tolstio) 


Keiner und natürlich auch ich nicht, bin stolz darauf, getrennt und geschieden zu sein. Ich hätte es auch gerne im ersten Anlauf geschafft, bis ans Lebensende glücklich zu werden, aber das war mit leider nicht vergönnt. Mit dem Mann hatte ich abgeschlossen, aber anscheinend noch nicht mit dem Haus. Die Tatsache, dass ich da rein und raus ging, war natürlich auch nicht von Dauer. Das war mir schon klar. Mein Exmann hatte sich bis dahin wohl auch nicht getraut, mir dieses Privileg wegzunehmen, um den harmonischen Umgang miteinander nicht zu gefährden. Vielleicht hat er auch tatsächlich die Vorteile der gegenseitigen Schlüssen gesehen. Final werde ich das wohl niemals erfahren. Aber in diesem Moment war mir schlagartig bewusst, dass ich mich nun auch endgültig vom Haus trennen musste. Ich habe das zu lange hinausgezögert und nun war auch hier die Zeit gekommen. Es war weder mein Haus noch mein Zuhause – so weh das auch tat, dies einzusehen. Ich durfte kein Anspruch auf dieses Haus haben. Und eigentlich sollte ich ihm auch zuvorkommen und den Schlüssel freiwillig abgeben, bevor er diesen mir wegnahm.

So weit die Theorie. Noch habe ich mich nicht dazu durchringen können, den Schlüssel zurückzugeben. Zu praktisch ist dann doch das Konzept, dass ich die Kleidung der Kinder, die ich im Voraus kaufe, dort deponieren und schön sortieren kann. Ich werde mir für die kommenden Monate aber vornehmen, einen Bereich für diese Kleidung bei meinem Partner im Haus zu schaffen. Er baut gerade aus und es entsteht mehr Platz, den er eigentlich nicht benötigt und den netterweise nutzen könnte. Damit könnte ich mich endgültig von diesem Haus emotional und auch praktisch entkoppeln und mich auch ein hoffentlich baldiges neues Zuhause mit dem neuen Partner einlassen. So weit die Pläne. Bis dahin wird aber noch einige Zeit verstreichen. Und auch meinem Exmann ist es denke ich bewusst, dass wir wieder vor einer neuen Ära stehen. Die Seite meines Schrankes war bisher nicht im Gebrauch außer für einige zu große T-Shirts meiner Kinder und deren Faschingskleidung. In diesem Bereich befanden sich zwei Schubladen, die mit Kinderklamotten gefüllt waren. Eine Schublade hatte er nun freigeräumt und dafür die Jungen- und Mädchenshirts, die auf beide Schubladen verteilt waren, in nur einer Schublade zusammengelegt. Man könnte auch sagen zusammengequetscht, wobei das zugegebenermaßen etwas emotional eingefärbt wäre. Die andere Schublade hatte die Neue aber noch nicht genutzt. Ihre wenigen Schlafhemdchen hatten auch im anderen Bereich des Schrankes Platz. Als ich das gesehen habe, hatte ich meinem Exmann gegenüber nur freundlich und vorsichtig kommentiert, dass er hätte auch mir was sagen können und ich hätte alles ordentlich sortiert umplatziert. Und ich habe sogar erwähnt, dass „das sein gutes Recht ist“. Ehrlich gesagt habe ich mit einem Anschiss gerechnet, dass es mich gar nichts angeht und dass ich da gar nichts zu suchen habe oder ähnliches. Allerdings meinte er nur – sogar freundlich und zurückhaltend und fast sogar entschuldigend - „er habe ja alles ordentlich umsortiert“. Oh lala – keine genervte böse Antwort, was für eine Überraschung! Daran dachte ich, zu erkennen, dass er auch nicht so ganz sich dessen im Klaren ist, wie er mit der Situation umgehen soll. Na dann – willkommen im Klub – da war er nicht alleine!

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